4. Euro-Police
Einführung
Die Euro-Police katapultiert uns zurück in die Anfänge des internationalen Versicherungsgeschäftes als sich der Versicherungsmakler der großen Muttergesellschaft einen feuchten Kehricht um das finanzielle Wohlergehen des Auslandsbrokers kümmerte und nur darauf bedacht war, sein Einkommen zu maximieren.
Genau das passiert mit der Euro-Police, wenn der Auslandsmakler zum Handlanger degradiert wird, um im Notfall einzuspringen und sich sonst nur um die kleinen lokalen Verträge kümmern soll. Der Schuss geht voll nach hinten los, weil die Qualität der lokalen Betreuung nicht mit wenig Courtage finanziert werden kann. Denken Sie bitte auch an den umgekehrten Weg. Sie sollen für einen ausländischen Makler einen Kunden, der € 150 Mio. Umsatz macht, für € 500,- betreuen. Allein das Ansinnen ist lachhaft!
Unsere schweizerischen Freunde dürften eigentlich jetzt nicht weiter lesen, weil sie als Nicht-EU-Mitglied diese Euro-Policen nicht einkaufen können. Bitte gehen Sie davon aus, dass der phantasievolle Makler auch hier einige Kunstgriffe vorrätig hat.
Wir beschreiben die Euro-Police, die Vor- und Nachteile, die Anwendungsmöglichkeiten zum Versicherungsprogramm und grenzen sie zum Versicherungsprogramm ab.
Wie funktioniert eine Euro-Police?
Sie ist eine einzige Versicherungspolice, in der die Muttergesellschaft und alle Töchter, die in EU-Ländern niedergelassen sind, versichert werden. Die Euro-Police wird bei einem Versicherer platziert, der entweder in dem Land tätig ist, in dem die Muttergesellschaft ihren Sitz hat, oder in einem anderen europäischen Land, wenn dort die Versicherungsbedingungen und Prämien günstiger sind als in Ihrem Heimatland. Voraussetzung für die Euro-Police ist, dass ein Versicherer Risiken in einem Land zeichnen darf, in dem er nicht durch eigene Tochtergesellschaften vertreten ist - dies nennt man Dienstleistungsfreiheit.
Zum besseren Verständnis ein Exkurs zur Dienstleistungsfreiheit: Dienstleistungsfreiheit bedeutet, dass ein Versicherer ein Risiko in Italien versichern kann, ohne gleichzeitig in Italien mit einer eigenen Niederlassung vertreten zu sein. Die Richtlinie zur Dienstleistungsfreiheit enthält neben vielen Einzelheiten zum anwendbaren Recht, Steuersystem, zu Fragen der behördlichen Zulassung etc. vor allem die Schwellenwerte. Bei Überschreitung dieser Schwellenwerte können Risiken bei nicht im Risikoland zugelassenen europäischen Versicherern versichert werden.
Es sind dies folgende Kriterien: Seit 01.01.1993
Bilanzsumme: € 6,2 Mio.
Umsatz: € 12,0 Mio.
Durchschnittliche Beschäftigtenzahl im Verlauf des Wirtschaftsjahres: 250
Wenn zwei Kriterien überschritten sind, gehört Ihr Kunde zu den Großrisiken und kommt in den Genuss der Dienstleistungsfreiheit. Schwellenwerte haben Bedeutung für die Produkte Feuer- und Elementarschäden, sonstige Sachschäden, Haftpflicht und finanzielle Verluste, das sind z.B. Berufshaftpflicht-, Betriebsunterbrechungs- und Mietausfalldeckungen. Transportrisiken können Sie wie bisher überall im Ausland versichern.
Wenn Länder gedeckt sind, ist die Euro-Police schematisch wie folgt darstellbar:
Sind neben europäischen Ländern auch welche auf anderen Kontinenten versichert, dann fungiert die Euro-Police im Rahmen eines weltweiten Versicherungsprogramms als Ersatz für die lokalen Grundpolicen.
Vor- und Nachteile
Hier finden Sie eine Zusammenfasssung der Vor- und Nachteile der Euro-Police.
Vorteile sind:
- Einheitlicher Versicherungsschutz für Mutter- und Tochtergesellschaften in Europa
- Preisoptimierung durch Bündelung der Kaufkraft
- Reduktion der Administration durch Wegfall der lokalen Grundpolicen
- Kontrolle der versicherungsrelevanten Parameter (Preis, Versicherungsbedingungen, Schäden, etc.)
- Die Vorzüge sind identisch mit denen eines internationalen Versicherungsprogramms. Ob die Administrationserleichterungen durch Wegfall lokaler Policen tatsächlich zu Kostenentlastungen führen, die an die Kunden weitergegeben werden, muss bezweifelt werden.
Nachteile sind:
Die Kritikpunkte lassen sich an den Anforderungen, die der Kunde an einen im Tagesbetrieb funktionsfähigen Versicherungsschutz stellt, festmachen. Diese Parameter sind:
- Schadenregulierung vor Ort nach landesüblicher Usance, z.B. Abwicklungsgeschwindigkeit etc. Das geht nur, wenn die lokale Tochter des Versicherers den Schaden gegen eine Gebühr auf der Basis einer Police, die nicht in der Landessprache ist - da kommt Freude auf - und ohne Kenntnis der Kundenbeziehung, reguliert. Hat der Versicherer keine eigene Tochter, muss er einen Sachverständigen oder den Versicherungsmakler beauftragen.
- Lokale Beratung und Pflege der Versicherungsverträge: Die Anpassung des lokalen Versicherungsvertrages an sich ändernde Risikoverhältnisse entfällt. Die Änderungen müssen an die Muttergesellschaft oder den Broker der Muttergesellschaft weitergeleitet werden. Eine lokale Beratung kann wiederum nur erfolgen, indem die lokale Tochtergesellschaft des Versicherers oder ein lokaler Broker gegen Honorar eingeschaltet wird.
- Versicherungsverträge in der jeweiligen Landessprache: Dieses Erfordernis wird durch die Euro-Police nicht erfüllt.
- Umsetzung der Gruppenversicherungspolitik: Die Nachteile sind für die Tochtergesellschaft so groß, dass sie versucht, die Euro-Police zu torpedieren. Damit wird die einheitliche Gruppenpolitik erschwert.
Es ist nur die Transportversicherung, die sich wirklich als Euro-Police eignet. Ein funktionierender Schadenservice vor Ort ist sichergestellt, da in der Transportbranche ein weltweit anerkanntes Netz von Schadenregulierungsstellen - Havariekommissariate - existiert. Schadenberichte der Havariekommissariate werden weltweit anerkannt. Schließlich ist der Beratungsbedarf im Tagesbetrieb in einer Transportversicherung eher gering. Alle anderen Versicherungsarten sind, verglichen mit der Transportversicherung, weniger geeignet, weil die oben definierten Anforderungskriterien nicht erfüllt werden.
